Buchbesprechungen
Wer mein Geschichtsinteresse kennt, wird hier womöglich nur Sachbücher oder Fantasy erwarten, doch tatsächlich lese ich auch Science-Fiction und möchte meine Buchbesprechungen mit dem Sammelband Ein kleines Trostpflaster für uns Temponauten von Philip K. Dick beginnen. Ich stieß beim Zappen zufällig auf eine Adaption von Adjustment Team und begann zu recherchieren. Dick schrieb in den 1960-er Jahren. Zugegeben, seine Geschichten sind nicht die neuesten, doch einige nahmen mich aufgrund ihrer zeitübergreifenden Essenz dennoch gefangen.
Ich bespreche hier stellvertretend die Kurzgeschichte Gewisse Lebensformen.
Philip K. Dick: Gewisse Lebensformen
Im Mittelpunkt steht eine Familie, bestehend aus Vater Bob, Mutter Joan und Sohn Tommy, die weit außerhalb der Stadt wohnen. Ihr luxuriöse Leben in einem selbstreinigenden Haus, das die Eingangstür nur für seine Bewohner öffnet, sich automatisch heizt, in dem die Mahlzeiten sich selbstständig zubereiten und von dem aus mit superschnellen Schwebeautos der Weg zur Arbeit in der Stadt in kürzester Zeit erfolgt, ist nur möglich durch Rohstoffe, die auf fernen Planeten abgebaut werden. Bob muss mit seiner Sektion auf den Mars, um gegen die Einheimischen zu kämpfen, damit die dortigen Abbaugebiete nicht verloren gehen. Joan fragt, ob man denn nicht ohne diese Mars-Erze leben könne, doch Bob antwortet, dass ihr Leben nicht mehr funktionieren würde wie gewohnt, dass sie wie zur Zeit der Großeltern leben müssten, wenn sie den Mars nicht zurückerobern würden.
Bob kehrt von diesem Einsatz nicht zurück und sein Sohn Tommy muss, obwohl noch nicht achtzehn, seine Stelle in der Sektion übernehmen. Als Tommy das erste Mal zu einem außerplanetarischen Einsatz eingezogen wird, fragt Joan den Sektor-Organisator, warum dieser Krieg notwendig sei. Wieder erhält sie zur Antwort, dass dies unumgänglich sei, um ihr fortschrittliches Leben zu ermöglichen.
Tommy kehrt von seinem zweiten Kriegseinsatz nicht zurück. Schon steht der nächste Krieg gegen Ureinwohner auf einem fernen Planeten an. Wieder fragt Joan den Sektor-Leiter, ob der Kampf notwendig ist. Wieder die Antwort, dass die Abbauprodukte notwendig seien, um nicht auf den Stand der Großeltern zurückzufallen und dieses Mal ziehe die Regierung jeden ein, der verfügbar sei, auch Frauen. Und Joan fragt: „Jeden? … Aber wer bleibt dann noch übrig? … Wird irgendjemand übrig bleiben?“
Hier spoilere ich, doch für das Verständnis ist dies notwendig: Ein Raketenschiff vom Orion landet auf der Erde. Die zwei Orionianer erkunden die nähere Umgebung und sind beeindruckt, von der Entwicklungsstufe der Terraner. Von den selbstreinigenden Gebäuden mit den selbstheizenden Wänden. Stille überall. Die Orionianer wollen den legendären Wesen von Terra begegnen und warten. Doch einer fragt sich, weshalb die Erdbewohner verschwunden sein könnten. „Wenn die Terraner nicht zurückkehren, dann wird das eines der größten Rätsel für die Archäologie sein.“
Trotz einiger Klischees aus den 1960er Jahren hat gerade diese Geschichte für mich eine andauernde Bedeutung. Sie bildet auch unser heutiges Denken ab. Die Annahme, dass ständiges Wachstum und ewiger Fortschritt erreichbar und notwendig seien. Egal, um welchen Preis.
Mich hat überrascht, dass die Fragestellung – muss es immer weiter, höher, schneller, komfortabler sein und welchen Preis müssen wir dafür bezahlen – damals bereits aufgekommen ist. Inzwischen sollten wir uns schon seit einiger Zeit ernsthaft dieser Frage stellen und müssen heute hoffen, dass Änderungen nicht zu spät für unseren Heimatplaneten kommen.